Dezemberabend

Dezemberabend. Mit der Mischung aus Schmatzen und Klappern dreht sich der Schlüssel. Ende. Feierabend. Die Dezemberluftdusche knallt mir ins Gesicht. Ich lächele und lasse sie tief in mich rein. Den Ku-Damm runter tragen die Bäume alle ein leuchtendes Haarnetz mit Goldperlen. Sieht gut aus, das. Trotzdem kann ich nicht anders, als mich zur Melodie von „Schneeflöckchen, Weissröckchen“ zu befragen, wer das eigentlich bezahlt. Vattenfall stand auf dem Briefkopf heute Früh. Ich sollte zur Kenntnis nehmen, dass ich, trotz durchdachter Verwendung von Energiesparlampen und Teelichtern, Wasserreduzierventilen in der Dusche, und Wollschal im Bett, dieses Jahr noch nicht genug geblutet hätte. Ich schnaube unwillig Wölkchen in die kalte Weihnachtsluft. Auf dem Weg zu Bus und heimischem Durchlauferhitzer, kappe ich in unbeobachteten Momenten einfach die Stromkabel für die leuchtende Weihnachtsstimmung. Unbeobachtete Momente gibt es Dienstagmorgen um halb vier eine ganze Menge. Hinter mir ist es schwarz, als ich an die Bushaltestelle komme. Etwas später entsteige ich der schlingernden Höllenkutsche und pralle auf einen Vagabunden, der sich, auf einer Styroplatte sitzend, am Dampf von nicht Verdautem zu wärmen scheint. Dabei reibt er sich die schmutzigen Hände, brabbelt, was von „Glühwein“ und „verdorben“, und spielt Propeller mit der Weihnachtsmütze auf seinem Kopf, deren Ende ein rot blinkender Bommel ist. Ich schliesse kurz die Augen und denke an Laubsägearbeiten im Schatten eines wohligen Kachelofens, eine malerische Zuckerbäckerlandschaft, die Wunschzettel im Kamin von Himmelspforten und an die Melodie von „am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“. Hilft nichts. Auf den letzten Metern zur Haustür fummele ich doch noch meine Sonnenbrille aus der Tasche. Selbst die Sexshops gehen in die Weihnachtsoffensive und von den bunt blinkenden Schaufensterdemonstrationen tränen mir die Augen. Ich muss flach atmen um den aufsteigenden Würgereiz nicht zu stark werden zu lassen. Als ich endlich die rettende Wohnungstür öffne, trifft mich der Schlag. Ich wähne mich gestorben und in der Hölle: Meine Herzdame kommt mir im Engelsoutfit entgegengeschwebt. Flötet „Überraschung“ und reagiert auf mein Desinteresse tatsächlich sehr ungehalten. Ich ersticke die Tiraden mit einer Packung gefüllter Lebkuchenherzen, und weine mich in den rettenden Schlaf.

DANKE Jan

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>